Erfolgreiche Ausstellung im Polizeipräsidium - Was tun gegen Antisemitismus?
carla.ihle-becker
FULDA Ja, DAS ist Antisemitismus!
24.02.26 - Vom 15. Januar bis zum 12. Februar war im Polizeipräsidium Osthessen (PPOH) die Ausstellung "Ja, DAS ist Antisemitismus! Jüdische Erfahrungen in Hessen" der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen (RIAS) zu sehen. Zahlreiche Fuldaer Schulklassen nutzen mit ihren Lehrkräften die Gelegenheit, die Ausstellung zu besuchen – und mit Christian Diegelmann und Kira Rehberg vom Stabsbereich Prävention im PPOH über die Ausstellung ins Gespräch zu kommen.
Am 15. Januar war die Ausstellung Ja, DAS ist Antisemitismus“ im PPOH mit einer Podiumsdiskussion ...
Ein typisch antisemitisches Meme – ‚The happy merchant‘
Antisemitische Verschwörungsmythen
Sensibilisierung nach innen und außen
"Wir sind sehr zufrieden mit dem Rücklauf", erklärt Christian Diegelmann. "Uns ging es darum, Schülerinnen und Schüler über aktuelle Entwicklungen im Bereich Antisemitismus zu informieren. Und wir wollen verdeutlichen, was antisemitische Botschaften mit Betroffenen machen oder welche strafbaren Inhalte aktuell kursieren. Das ist vielfach nämlich nicht bekannt. Antisemitische Memes sind schnell im Klassenchat oder mit Freunden geteilt. Dass die Verbreitung extremistischer und antisemitischer Inhalte oft strafbar ist, muss man immer wieder deutlich machen." Diegelmann, der im PPOH auch für die Prävention von politisch motivierter Kriminalität (PMK) zuständig ist, war seit Beginn des neuen Schuljahrs bereits häufig in Schulklassen der drei Landkreise, für die das PPOH zuständig ist, um dort mit Schülerinnen und Schülern über diese Themen zu sprechen.
Die Polizei habe, so Diegelmann, die Ausstellung auch für die Sensibilisierung nach innen genutzt. Kolleginnen und Kollegen aus allen Bereichen seien da gewesen. "Das ist besonders für die Kollegen wichtig, die im Streifendienst sind oder Demonstrationen begleiten. Auch wir müssen uns für die roten Linien immer wieder aufs Neue sensibilisieren." Die Ausstellung berichtet von Erfahrungen, die Jüdinnen und Juden in Hessen gemacht haben, und setzt diese in Zeichnungen um.
Strafbare Inhalte von Pepe der Frosch bis NS-Symbolen
Aufmerksam lauschten die Schülerinnen und Schüler den Ausführungen
Aufmerksam lauschten die Schülerinnen und Schüler den Ausführungen
Signifikanter Anstieg von antisemitischen Straftaten
Wie nötig diese Ausstellung ist, zeigt der Anstieg antisemitischer Straftaten in Deutschland, auch in Hessen. Wurden im Jahr 2020 noch 129 Straftaten zur Anzeige gebracht, waren es im Jahr 2024 bereits 357. Und dabei sprechen wir nur von den Straftaten, die auch angezeigt wurden, die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein. "Insbesondere nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 07. Oktober 2023 stiegen die Straftaten rasant an", ergänzt Kira Rehberg, die im PPOH unter anderem für interkulturelle Sozialkompetenz zuständig ist. Die Polizei nimmt Antisemitismus aus dem rechten, linken sowie muslimischen Spektrum wahr: Er ist – unabhängig von Herkunft, Milieus, politischer Einstellung oder Religion – bedrückend anschlussfähig geworden.
Bundesweite Entwicklungen zeigen, dass auch an Schulen Antisemitismus mittlerweile zum Grundrauschen gehört. Wenn auf Schulhöfen "Du Jude!" als Beleidigung gängig geworden ist, wenn Memes mit NS-Symbolik verbreitet werden, wenn rechtsextremistische Codes wie 88 oder 444 (Heil Hitler und Deutschland den Deutschen) verwendet werden; wenn judenfeindliche Stereotype (z.B. Geldgier) und Verschwörungsmythen (z.B. Kindermörder) verbreitet werden; wenn ursprünglich harmlose Memes wie Pepe der Frosch antisemitisch umgedeutet werden oder entmenschende Emojis (wie z.B. Ratten, Schweine) antisemitisch kontextualisiert verwendet werden – dann macht man sich möglicherweise strafbar. Strafbar macht man sich immer, wenn der Holocaust geleugnet wird.
Zeichnung von Sophia Hirsch über antisemitische Vorurteile © RIAS-Ausstellung Antisemitismus
Zeichnung von Sophia Hirsch über Erfahrungen jüdischer Menschen nach dem Hamas-Überfall ...
Betrachten, verstehen und zu sich in Beziehung setzen – die Schüler in der Ausstellung ...
Vom Antijudaismus zu Verschwörungsmythen
Antisemitismus ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts, sondern mehr als 2000 Jahre alt, auch wenn der Begriff erst seit Ende des 19. Jahrhunderts nachweisbar ist. Vorher sprach man von Antijudaismus. Judenfeindschaft war auch religiös motiviert, weil man das eigene (christliche) Selbstverständnis aus der Gegnerschaft zum Judentum zog. Kirchen zeigten jüdische Schmähplastiken wie z.B. die "Judensau", Juden wurden als Christusmörder bezeichnet, und man ignorierte, dass Jesus Jude war und nach jüdischem Gesetz lebte. So trugen auch die Kirchen zu Gewaltexzessen und Pogromen gegen Juden bei. Erst in den letzten Jahrzehnten haben beide christlichen Kirchen damit begonnen, ihr Verhältnis zum Judentum neu zu bestimmen und die Fehler der Vergangenheit einzugestehen.
Viele Vorurteile gegenüber Juden wurden über Generationen hinweg kolportiert, unabhängig davon, ob sie überhaupt stimmten. Ein besonders perfides Beispiel dafür ist die über 100 Jahre alte Hetzschrift "Die Protokolle der Weisen von Zion", deren Verschwörungsmythen bis heute munter weiterverbreitet werden. Im NS-Staat schließlich wurde der Genozid an Juden staatlich verordnet und industriell durchgeführt: Auf der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 wurde die sogenannte 'Endlösung der Judenfrage" beschlossen, die systematische Tötung von Menschen aufgrund ihrer "Rasse".
Klasse aus der Eduard-Stieler-Schule zu Gast
Studiendirektor Thomas Willert und seine Klasse aus der Eduard-Stieler-Schule waren die letzten Besucher der Antisemitismus-Ausstellung im PPOH. Die Schülerinnen und Schüler sind in der Berufsfachschule zum Übergang in die Ausbildung (BÜA). In der Klasse sind auch junge Menschen, die aus verschiedenen Ländern zu uns nach Deutschland gekommen sind. Sie bringen sehr unterschiedliche Kenntnisstände über das sog. Dritte Reich und die Shoah mit und haben mit dem Thema Antisemitismus, Israel und Naher Osten sehr unterschiedliche Berührungspunkte.
Grundlage der Ausstellung sind authentische Fälle, die Menschen genauso widerfahren sind. Genau deshalb berühren diese Fälle auch so. Denn sie berichten von Ignoranz, Gelächter, Ausgrenzung, Relativierung und Beschwichtigung, aber auch von Solidarität. Beim Betrachten der Ausstellung fragten und diskutierten die Schülerinnen und Schüler intensiv. Denn: Mit Vorurteilen konfrontiert werden, Ablehnung aufgrund von Herkunft oder Aussehen zu erfahren, das kannten einige aus eigenem Erleben nur zu gut. Genau das war der Brückenschlag – zu erkennen, was verletzt und ausgrenzt und wie man sich dabei fühlt.
"Wenn ihr heute mitnehmt, dass die Welt nicht eindimensional ist, wenn ihr mitnehmt, dass es gut ist, Fragen zu stellen, statt Vorurteile zu verbreiten, wenn ihr fragt, was kann ich machen?, dann habt ihr viel mitgenommen", verabschiedete Christian Diegelmann die Gruppe nach intensiven zwei Stunden. (Jutta Hamberger)+++
Original auf osthessen-news.de