Geplante Urteilsverkündung im Mordfall Wernges verschoben
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Ermittler fanden Monate nach dem Verschwinden der Frau ihre sterblichen Überreste im Keller des Hauses in Wernges - Archivfotos:O|N
GIEßEN Kammer tritt erneut in Beweisaufnahme
25.02.26 - Der Fall einer elend zu Tode gekommenen 55-Jährigen in Lauterbach-Wernges (Vogelsbergkreis) hat bundesweit für Entsetzen gesorgt - am Dienstag sollte um 15 Uhr eigentlich das Urteil gesprochen werden. Doch die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Gießen hat kurzfristig entschieden, noch einmal in die Beweisaufnahme einzutreten, und das Urteil auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.
Wie der stellvertretende Landgerichtspräsident Dr. Dietrich Claus Becker auf Anfrage von OSTHESSEN|NEWS erläutert, habe die Kammer diesen Schritt für notwendig erachtet und deshalb die Urteilsverkündung verschoben. Die für die Beweisführung wesentlichen Chatverläufe der beiden Angeklagten waren ausgewertet und verschriftlicht worden. Sie wurden vor Gericht verlesen. Jetzt sollen die belastenden Aussagen auch noch als Audiodateien eingeführt und vor Gericht abgespielt werden. Nach erneuter Schließung der Beweisaufnahme müssen die Verteidiger und Oberstaatsanwalt Thomas Hauburger dann noch einmal plädieren. Voraussichtlich werde das Abspielen der Audiodateien rund zwei Wochen Zeit in Anspruch nehmen, sagte Dr. Becker.
Wie berichtet stehen eine 45-Jährige und ihr 59-jähriger Lebensgefährte vor dem Landgericht Gießen, weil ihnen die Staatsanwaltschaft Mord an einer 55-jährigen Mitbewohnerin vorwirft. Nach Überzeugung der Kammer wurde die geistig beeinträchtigte 55-Jährige im November 2023 in das Haus des Paares im Lauterbacher Stadtteil Wernges gelockt. Was folgte, war laut Anklage ein monatelanges Martyrium. Die Frau soll eingesperrt, beleidigt, gedemütigt, vergewaltigt und körperlich misshandelt worden sein. Ihr wurden Handy und EC-Karte abgenommen. Zeugen berichteten von Einschüchterungen und Gewalt.
68 Tage Martyrium - dann war die 55-Jährige tot
Um sie ruhigzustellen, sollen ihr immer wieder starke Medikamente verabreicht worden sein. Ende Januar 2024 erhielt sie nach Überzeugung der Ermittler eine massive Menge verschiedener Psychopharmaka und verlor das Bewusstsein. Anstatt einen Notarzt zu rufen, soll das Paar aus Angst vor Entdeckung untätig geblieben sein. Die völlig hilflose Frau starb wenige Tage später.
Anschließend soll der 59-Jährige den Leichnam im Keller zerteilt, in ein Fass gesteckt und Teile davon in einem Waldstück bei Schlitz abgelegt haben. Dort wurden sie Monate später entdeckt.
Belastete Lebensgeschichten im Gerichtssaal
Im Prozess standen auch die persönlichen Hintergründe der Angeklagten im Fokus. Die verurteilte Frau hatte eine von Gewalt geprägte Kindheit geschildert und von Missbrauchserfahrungen gesprochen. Ein psychiatrischer Gutachter bestätigte schwere Belastungen in ihrer Biografie. Der Verurteilte berichtete von einer kriminellen Vergangenheit und früheren Ermittlungen gegen ihn. Beide waren über Jahre in psychiatrischer Behandlung und erhielten regelmäßig Medikamente.
Die Staatsanwaltschaft hatte lebenslange Haft für beide Angeklagte gefordert, verbunden mit der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Die Verteidigung hatte dagegen auf Körperverletzung mit Todesfolge und auf deutlich mildere Strafen plädiert und einen Tötungsvorsatz ihrer Mandanten bestritten. (ci)+++
Original auf osthessen-news.de