Wut, Trauer und klare Forderungen: Die EVG schlägt vor dem Esperanto Alarm
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Demonstrierende fordern vor dem Hotel Esperanto lautstark mehr Sicherheit für Bahn-Mitarbeiter nach dem tödlichen Angriff auf Serkan Çalar. - Fotos: Marvin Myketin
FULDA Tod eines Zugbegleiters schockt
26.02.26 - Es war eine Tat, die bundesweit für Entsetzen sorgte: Der 36-jährige Zugbegleiter Serkan Çalar wird Anfang Februar während einer Fahrkartenkontrolle brutal zusammengeschlagen und verstirbt wenig später im Krankenhaus. Um auf das massive Sicherheitsproblem im Nah- und Fernverkehr aufmerksam zu machen und um Politik, Aufgabenträger und Unternehmen aufzufordern, in die Sicherheit ihrer Mitarbeiter zu investieren, rief die Eisenbahn- und Verkehrsgesellschaft (EVG) am Mittwochabend zu einer Kundgebung vor dem Hotel Esperanto auf. Die konkrete Forderung: Eine Doppelbesetzung von Zugbegleitern im Nahverkehr.
"Sicherheit für alle Bahn-Mitarbeiter", heißt es auf Transparenten, die die Demonstrierenden mitgebracht haben. Viele tragen Warnwesten und haben Schilder mit klaren Forderungen dabei. Die Teilnehmer ziehen Parolen wie "Schutz für Schaffner jetzt!" und "Gewalt gegen Mitarbeiter stoppen!" Die Stimmung ist gleichzeitig wütend und traurig, da viele Kollegen persönliche Erinnerungen an ähnliche Vorfälle haben.
Täglich acht körperliche Angriffe
An diesem Mittwochabend richteten sich die zahlreichen Anwesenden bewusst in Richtung des Hotels, denn in diesem tagten zur gleichen Zeit die Aufgabenträger der Verkehrsverbünde, wie uns Benjamin Köster, Pressesprecher der EVG, erklärte: "Die Aufgabenträger sind Vertreter von Verkehrsverbünden, also die, die für Politik, Landkreise und Bundesländer den Regionalverkehr bestellen."Die Verantwortlichen entscheiden unter anderem darüber, auf welchen Strecken Regionalverkehr eingesetzt wird und wie viel Personal dafür benötigt wird. Vor allem der Einsatz von zu wenig Personal stellt für die EVG ein erhebliches Sicherheitsproblem dar, wie Köster erklärte: "Jeden Tag werden acht körperliche Angriffe in deutschen Zügen gezählt. Wir fordern eine Doppelbesetzung in jedem Regionalzug und deswegen wollen wir hier heute ein Zeichen setzen."
Sicherheit wird von Geld abhängig gemacht
Kristian Loroch, stellvertretender EVG-Bundesvorsitzender, kritisierte vor allem das verspätete Handeln der Verantwortlichen: "Wir versuchen seit Jahren, dieses Thema nach vorne zu treiben und den politischen Verantwortlichen deutlich zu machen, dass sie auch an dem Tod unseres Kollegen Mitverantwortung tragen, weil sie das Thema Sicherheit immer wieder von Geld abhängig machen. Und das ist eine Schande." Er räumte ein, dass man als Gewerkschaft zwar ebenfalls in der Verantwortung stehe, aber man mit beschränkten Mitteln nicht viel erreichen könne. "Wir haben uns für die Bodycams stark gemacht. Aber wir wissen alle, dass diese Maßnahme rein präventiv ist und nichts verhindert", äußerte er, "Mit einer Doppelbesetzung hätten unsere Kollegen wenigstens eine geringe Chance, da ihnen jemand beistehen würde. Auch das ist keine absolute Sicherheit, aber ein Mindestanstand einer Gesellschaft und einer Politik, die wir den Kollegen zur Seite stellen müssen." Er forderte "zum Schutze und zur Prävention unserer Kollegen" noch dazu eine konsequentere Ahndung von Straftaten."Fass ist übergelaufen"
"Wir stehen heute hier, weil das Fass übergelaufen ist", äußerte Evelin Trabert, Zugchefin im Fernverkehr und EVG-Betriebsrätin, "Vor gut drei Wochen ist unser Kollege nach einem Angriff verstorben. Sein Tod erschüttert uns nach wie vor und er macht deutlich: Das war kein tragischer Einzelfall. Es war die Spitze des Eisbergs." Der Umgangston habe sich verändert und Aggression und Respektlosigkeit gehörten zum Alltag aller Mitarbeiter in Zügen, Bussen und Bahnhöfen. Sie betonte: "Verspätungen, überfüllte Züge, nicht angezeigte Reservierungen: All das entlädt sich viel zu oft bei denen, die den Betrieb am Laufen halten. Unsere Kollegen stehen an vorderster Front, müssen erklären, beruhigen, organisieren und das oft ohne ausreichende Unterstützung und mit viel zu wenig Personal."Die Maßnahmen, die bisher getroffen wurden, seien ein Tropfen auf den heißen Stein und reichten nicht aus, um zahlreiche Mitarbeiter aktiv zu schützen. Trabert appellierte an die Aufgabenträger: "Sie können Strukturen schaffen und den Schutz und die Prävention ernst nehmen, doch dafür braucht es Prioritäten. Die entscheidende Frage lautet: Was ist wichtiger? Gewinne oder der Schutz von Beschäftigten?" (Anna Weißenberger) +++
Original auf osthessen-news.de