Fünf Kandidaten, fünf Profile: Wer wird neuer Bürgermeister der Kreisstadt?
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Fünf Kandidaten treten zur Bürgermeisterwahl in Lauterbach an. Von links: Katharina Jacob, Domenico Garrubba, Holger Marx - Moderatoren Claudia Kempf und Oliver Hack - Daniel Schmidt und Albert Krumm und stellten sich in der Adolf-Spieß-Halle der Diskussion mit den Bürgern. - Fotos: O|N / Carina Jirsch
LAUTERBACH Nach 30 Jahren Vollmöller (CDU)
27.02.26 - Nach 30 Jahren endet in Lauterbach eine Ära: Bürgermeister Rainer-Hans Vollmöller (CDU) scheidet zum 30. Juni aus dem Amt. Am 15. März wählen die Bürger eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger. Fünf Kandidaten bewerben sich um das höchste Amt der Kreisstadt - und präsentierten sich bei der Podiumsdiskussion des Lauterbacher Anzeigers in der voll besetzten Adolf-Spieß-Halle. Selbst auf den Emporen waren die Plätze schnell vergriffen.
Moderatorin Claudia Kempf, Redaktionsleiterin des Lauterbacher Anzeigers, brachte die historische Dimension auf den Punkt: "Lauterbach bekommt nach 30 Jahren einen neuen Bürgermeister: Das ist historisch." Man wolle wissen, "mit welchen Stärken bei den Lauterbacher Bürgern gepunktet werden" könne - und hoffe auf "kontroverse Diskussionen". Ihr Kollege Oliver Hack, Redakteur beim Lauterbacher Anzeiger, ergänzte: "Ich hoffe auf inspirierende Momente."
Die Kandidaten im Porträt
Katharina Jacob (Linke), Lehrerin, setzt auf "soziale Gerechtigkeit, Klimagerechtigkeit und Demokratie". Daniel Schmidt (parteiunabhängig, Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen), Studiendirektor, verspricht Aufbruch: "Ich kandidiere, weil ich etwas voranbringen will." Holger Marx (CDU), Lauterbachs Erster Stadtrat, betont Verwaltungserfahrung und Kontinuität. Albert Krumm, parteiloser Polizeibeamter, wirbt mit Klarheit und Bürgernähe. Domenico Garrubba, ebenfalls parteilos, möchte als Praktiker und Teamplayer überzeugen.Die wichtigsten Fragen in der Übersicht
Stadtentwicklung und Glasfaser
Beim Thema Glasfaserausbau wurde deutlich, wie komplex die Lage ist. Seit dem Start des Glasfaser-Ausbaus im Jahr 2022 kommt es in Lauterbach zu Problemen. Im Juni 2025 kündigten die Stadtwerke dem Generalunternehmer wegen massiver Verzögerungen und Baumängeln. Statt über 3.000 geplanter Anschlüsse sind Anfang 2026 erst rund 600 aktiv, der Schaden liegt bei mehreren Millionen Euro.Holger Marx räumte ein: "Grundsätzlich haben wir mit dem ersten Generalunternehmer Schiffbruch erlitten." Dennoch solle man "an den Stadtwerken festhalten". Daniel Schmidt antwortete auf die Frage, ob die Stadtwerke im Boot bleiben sollen, klar: "Ja! Es war die richtige Entscheidung, dass unsere Werke Glasfaser machen." Man wolle "hier kein Großunternehmen".
Katharina Jacob kritisierte die Kommunikation: "Wir wurden lange im Dunkeln gehalten." Domenico Garrubba verwies auf eigene Erfahrung: "Ich habe zwei Jahre bei der Telekom gearbeitet." Er würde "eine regionale Firma dazuschlagen". Albert Krumm blieb nüchtern: "Das kann ich erst beantworten, wenn ich die Faktenlage kenne."
Hohhaus-Museum: Kultur oder Luxus?
Sozialministerin Heike Hofmann übergab Lauterbach im Februar 2026 rund 3,7 Millionen Euro für den barrierefreien Umbau des Hohhaus-Museums. Damit sollen Aufzug, barrierefreie Toiletten, breitere Türen und taktile Orientierungshilfen umgesetzt werden, um das historische Museum für alle zugänglich zu machen. Im Raum stand die Frage, wie sinnvoll das Gesamtvolumen der Sanierung von rund 4,5 Millionen Euro ist.Marx betonte: "Ohne diese Gelder würde das Museum vor der Schließung stehen." Das Gebäude habe "einen Mehrwert für Lauterbach". Schmidt sprach von "Revitalisierung" und forderte, Kultur und Tourist-Information zusammenzuführen. "Dieses Kulturzentrum muss integraler Bestandteil der Stadt werden."
Jacob sieht ein "zweischneidiges Schwert" - Kultur sei wichtig, aber auch Wohnraum. Krumm ist sich sicher: "Es ist ein sehr wichtiger Standpunkt - visuell wie auch geschichtlich." Garrubba hingegen sagte klar: "Man könnte das Geld woanders gebrauchen."
Bahnhofsareal und Molkerei
Das Bahnhofsgebäude in Lauterbach steht bis heute in Privatbesitz und ist sanierungsbedürftig. Praktisch gegenüber liegt die Alte Molkerei, ebenfalls in Privatbesitz. Beide Objekte bieten Raum für neue Entwicklungen, bisher konnte die Stadt sie trotz mehrerer Anläufe nicht erwerben.Der Bahnhof sei "das Tor zur Stadt", sagte Marx. Man müsse mit Eigentümern sprechen, "es muss sich etwas entwickeln". Schmidt sieht im Bürgermeisterwechsel "eine Chance" und kündigte "respektvolle Gespräche" an. Jacob würde das Gebäude nicht kaufen, sondern das Gespräch suchen. Krumm plädierte für Kompromisse. Garrubba brachte es knapp auf den Punkt: "Ich bin dafür, dass aus der Molkerei Wohngebäude werden."
Finanzen: Sparen oder investieren?
Lauterbach kämpft mit rund 23 Millionen Euro Schulden. Für Stadtentwicklung fehlt daher oft das Geld, Sparpotenziale müssen genau abgewogen werden.Garrubba sieht "keine Möglichkeiten, noch mehr Geld zu sparen". Krumm fordert einen "bewussten Kassensturz". Schmidt will Einnahmen und Ausgaben gleichermaßen betrachten und verwies darauf, dass die Feuerwehr-Gebührensatzung "seit 20 Jahren nicht angepasst" sei.
Jacob forderte Unterstützung "von oben" und warnte: "An der Kultur darf nicht gespart werden." Marx betonte: "Ich verspreche nur, was ich halten kann."
Energie, Gewerbe und Einnahmen
Zusätzliche Einnahmen könnte Lauterbach unter anderem durch den Ausbau von Wind- und Solarparks erzielen. Solche Projekte bringen Pachteinnahmen, Gewerbesteuern und langfristige Einnahmequellen für die Stadt, die gerade angesichts hoher Schulden wichtig sind.Jacob betonte: "Windkraftanlagen und Photovoltaik sind sehr wichtig." Krumm schlug überdachte Supermarkt-Parkplätze vor. Garrubba schloss sich Jacob an.
Marx, selbst Gebäudeenergieberater, sagte: "Wir kriegen demnächst eine Photovoltaikanlage aufs Rathaus." Schmidt sieht in Digitalisierung eine Chance, Prozesse zu optimieren.
Gewerbesteuer und Wirtschaftsförderung
Die Ansiedlung neuer Betriebe ist ein zentrales Thema der Kandidaten. Folglich stand auch die Frage zur Debatte, ob es eine Anpassung der Gewerbesteuer brauche.Krumm betont: "Viele schauen in die Nachbarkommunen, wie dort der Hebelsatz ist. In der Vergangenheit gab es schon Unternehmen, die eine Ortschaft weitergegangen sind." Garrubba fordert: "Die zu hohe Gewerbesteuer ist ein Problem. Man muss weitere Betriebe hier ansiedeln."
Jacob setzt auf Landwirtschaft, Tourismus und Bildung: "Kultur und Natur ganz eng beieinander. Es darf nicht enden, dass eine Lagerhalle an die andere gebaut wird." Schmidt sieht Chancen in der Stadtplanung: "Wir müssen schauen, wo es freie Flächen gibt. Im Bahnhofsumfeld haben wir Gewerbeflächen, die nicht gescheit genutzt werden." Marx ergänzt: "Wir haben Gewerbeflächen, die ausgebaut werden müssen. Wir müssen uns um die Betriebe kümmern."
Gebührenpflichtige Parkplätze
Beim Thema Parkraum in der Lauterbacher Innenstadt gingen die Meinungen auseinander. Strittig ist, ob Parkplätze generell gebührenpflichtig sein sollten. Die Entscheidung darüber wird als wichtiger Baustein für Stadtentwicklung, Besucherfreundlichkeit und Einnahmen der Kommune gesehen.Die Kandidaten diskutieren unterschiedliche Ansätze für die Innenstadt. Schmidt sagt: "Die Stadt hat ein Problem mit Parkraum. Menschen, die einen Parkplatz brauchen, finden ihn nicht. Parkraum muss für diejenigen da sein, die ihn brauchen." Jacob ergänzt: "Es muss ein Kompromiss gefunden werden. Lohnt sich eine Investition in kostenpflichtige Parkplätze überhaupt?"
Marx betont: "Ich bin gegen eine Parkraumbewirtschaftung in der Innenstadt. Es braucht Fingerspitzengefühl." Garrubba erklärt: "Wenn ich Bürgermeister bin, bin ich nicht für Parkplatzgebühren." Krumm ergänzt: "Viele parken hier nur auf dem Sprung. In der Innenstadt eine Gebühr einzuführen, finde ich töricht."
Umgehungsstraße und Jugend
Die Ortsumgehung Lauterbach-Wartenberg ist seit über 60 Jahren geplant und sorgt immer wieder für Diskussionen. Kürzlich gab es Unsicherheiten wegen angeblicher Streichungen im Bundeshaushalt, doch das Projekt steht weiter auf der Agenda. Die Umgehung soll die Anwohner entlasten, die Verkehrssicherheit erhöhen und neue Entwicklungsmöglichkeiten für die Region schaffen.Bei der Umgehungsstraße sagte Jacob klar: "Nein, wir wollen keine Umgehungsstraße, weil die Natur geschädigt wird." Garrubba ergänzte eine ähnliche Auffassung: "Ich bin ganz strikt dagegen."
Krumm sieht Vorteile: "Ja, eine Umgehungsstraße kann Gewerbe und Arbeitsplätze schaffen. Es kann auch Wohnraum entstehen." Schmidt hält die Planung für unsinnig: "Deutschland hat viel wichtigere Infrastrukturprojekte zu stemmen." Marx sagt: "Egal ob sie kommt oder nicht, wir müssen die beste Entscheidung für Lauterbach treffen."
Jugendliche und Freizeitangebote
In Lauterbach steht die Frage im Raum, wie man Jugendliche sinnvoll beschäftigt und gleichzeitig kriminellen Jugendbanden entgegenwirkt. Wichtig sind Freizeitangebote, Bildung, Sport und soziale Projekte, um Jugendlichen Perspektiven zu bieten und Straftaten vorzubeugen.Krumm sagt: "Wir brauchen ein Jugendzentrum – unabhängig der Herkunft. Außerdem sollte man junge Leute in Vereine bekommen." Schmidt ergänzt: "Es gibt kein Angebot – wir brauchen eine Freizeitfläche, wo sie sich ohne Erwachsenen treffen können." Jacob sieht die Notwendigkeit eines Streetworkers: "Räume, die wir haben, sollten auch genutzt werden." Marx meint: "Es ist wichtig, dass solche Angebote zentral sind. Ein Käfig mit Basketballplatz wäre eine Idee."
Am Ende blieb der Eindruck eines offenen Rennens. Fünf Kandidaten, viele Ideen - und eine Stadt, die vor einer Richtungsentscheidung steht. (Constantin von Butler) +++
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Original auf osthessen-news.de