Liebe, Heimweh, Hölle - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

moritz.pappert

06.03.26 - Diese Kolumne widme ich meinem Freund Volker. Der Mann findet Schlager toll. Nicht nur die deutschsprachigen Meisterwerke ("Herz, Schmerz, und noch viel mehr..."), sondern auch die fremdsprachige Verwandtschaft: die italienischen Sehnsuchts-Hits (Adriano Celentano! Rocco Granata!), die dahinschmelzenden französischen Chansons (Gilbert Becaud! Jane Birkin!). Drei Minuten 20 Sekunden hat ein herkömmliches deutsches Gemüts-Lied Zeit, um mit uns zu verschmelzen. Wie ein Blitzschlag soll es uns treffen – unser Herz und, falls vorhanden, unsere Seele. Danach fühlen wir uns wie auf Wolke Sieben. Was schnauben Sie denn da so abfällig? Gehören Sie etwa zu der Minderheit, die unser aller Lieblingsmusik minderwertig, seicht und grunzblöd findet? Dann halten Sie sich doch einfach die Ohren zu, Heidschibumbeidschi nochmal! Und merken Sie sich: Schlager sind so zeitlos, dass der 94-jährige Freddy Quinn soeben wieder in der Hitparade aufgetaucht ist.

Bemerkungen von Rainer M. Gefeller. Foto: ON Archiv

"Immer wieder Sonntags kommt die Erinnerung", 1973. Danke, Cindy & Bert, für diesen Einstieg in unsere Schlager-Revue. Bei uns gilt folgende Regel: "Schön ist es auf der Welt zu sein". Schade, dass Roy Black, für eine Weile der beliebteste Schlager-Star der Deutschen, diese Frohsinns-Botschaft von 1971 selbst nicht verinnerlichen konnte. "Als Roy Black hat er gestrahlt und wurde bewundert", sagte Thomas Gottschalk bei seiner Beerdigung 1991, "aber er selbst hat gelitten und war voller Zweifel." Der Super-Schnulzier wurde nur 48 Jahre alt. "Ganz in Weiß" war sein größter Hit, sein Grab ist immer noch eine Pilgerstätte für Fans. Daraus können wir schonmal lernen: Die verehrten, bewunderten Schlager-Prinzen und -Prinzessinnen sind auch nur Menschen, für manche freilich ist das Lied wie das Leben selbst. Wie zum Beispiel für René Carol, 1920 bis 1978. "Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein." Das war sein berühmtestes Werk und seine Lebens-Melodie. "Ich war ja völlig verrückt auf Autos, Alkohol und Frauen." Ständig landete er vor Gericht; einmal raste er sogar geradewegs in den Knast, wegen Körperverletzung und Unfallflucht.

Was ist das überhaupt, ein Schlager? Da runzelt die Musik-Wissenschaft die Stirn. Eine klare Abgrenzung zu anderen Formen der Unterhaltungsmusik sei "schwierig". Aber unser freundliches Liedgut hat ja nicht nur Töne; was wollen uns denn die Texte sagen? Laut Brockhaus-Enzyklopädie kreisen sie fast ausschließlich um Themen wie "Liebe, Heimweh, Fernweh und Glücksverlangen". Manchmal wird gleich alles in einem Werkstück zusammengekocht. Sieht so aus, als hätten die Wiener das Wort erfunden, ungefähr 1881 – "wohl nach dem durchschlagenden Erfolg, der mit einem Blitzschlag verglichen wird", behauptet der Duden. Lauschen wir Theodor W. Adorno, dem berühmten Philosophen und Musik-Intellektuellen. Als Schlagerdichter wäre er wahrscheinlich eine Nulpe gewesen, wie wir seiner Kurz-Analyse entnehmen können: "Schlager beliefern die zwischen Betrieb und Reproduktion der Arbeitskraft Eingespannten mit Ersatz für Gefühle überhaupt, von denen ihr zeitgemäß reduziertes Ich-Ideal sagt, sie müssten sie haben." Das ist für uns Schlager-Normalos leider etwas zu schlau geraten. Aber wir können ja nochmal drüber nachdenken.

Nur noch drei Monate, dann regiert er wieder die Fuldaer Bühne: Roland Kaiser. ...Fotos (2): ProvinzTour 

Der Kaiser in Fulda. Archivfotos (4): O|N/ Martin Engel

Bei der Gelegenheit müssen wir uns natürlich der Frage stellen, ob es nicht peinlich und makaber ist, sich in diesen dunklen Wochen mit einem astreinen Tralala-Thema zu befassen. Wir sind von Tod und Barbarei umzingelt, Krieg wird alltäglich – und da gönnen wir uns einen Ausflug in die heile Welt? Ja! Jetzt erst recht! Dem Leiden und Mitleiden entkommen wir sowieso nicht. Gönnen wir unserem Gemüt eine kleine Pause.

"Täterätätätätä, täterätätätä!

So macht die Trompete."

Das sang Tony Marshall, 1938 bis 2023, der gesungene Tusch war auch der Titel des Liedes. Später folgte noch der glorreiche Reim:

"Rums, bums, bums

Jetzt simmer unter uns."

Die Volkskundlerin Gisela Probst sezierte den Text; er offenbare wie alle Schlager "das Bedürfnis zur Rückkehr in frühere Kindheitsphasen, eine Sehnsucht nach dem verantwortungsfreien Leben des Kindes." Ach, lass doch den Mann in Ruhe. Die "schöne Maid" hat er doch ebenfalls geschmettert. Und dann noch den Eins-A Oldie-Hit mit dem wohltuenden Refrain: "Senioren sind nur zu früh geboren."

Heino war natürlich auch schon hier: Im Januar 2025 hat er in der Sturmius-Kirche gesungen. ...

So, jetzt singen wir uns mal in den Liebes-Rausch. Den hier kennt jeder: "Weine nicht, wenn der Regen fällt, damdam..." Jawohl, Drafi Deutscher, in seinem monumentalen Liebes-Denkmal "Marmor, Stein und Eisen bricht", 1965. "Verdammt, ich lieb dich", Matthias Reim, 1990. Ein Lied wie in Schleim gemeißelt, würde mein Kumpel Werner sagen. Hier geht’s ohne Pause weiter: Marlene Dietrich, "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt", 1930. Zarah Leander – "sie kann so wuchtig klingen wie der Ton einer Orgel" – "Kann denn Liebe Sünde sein", 1938. Connie Francis, "Die Liebe ist ein seltsames Spiel", 1960. Caterina Valente, "Ganz Paris träumt von der Liebe", 1954. Udo Jürgens, "Siebzehn Jahr, blondes Haar", 1965. Peter Maffay, "Und es war Sommer", 1976. Eine Liebesschnulze nehmen wir noch: Marianne Rosenberg, "Er gehört zu mir", 1975. Und zum Abgewöhnen den Mann mit den Freundschaftsbändern bis zum Ellenbogen, Wolfgang Petry. Sein vielleicht meistgesungenes Abschieds-Lied:

Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle?

Und jetzt alle: Hölle, Hölle, Hölle.

Eiskalt lässt du meine Seele erfriern.

Hilfe, Sendepause. Fehlt Ihnen was? Vielleicht ein minutenlanges Gitarren-Solo, das uns zwischen die Ohren sägt? Oder ein noch längerer Schlagzeug-Krawall, der uns das Hirnschmalz aus dem Schädel schlägt? Damit können wir heute nicht dienen. Damit bei den Anhängern von Rock und Blues ein wenig Demut aufkommt, möchte ich kurz auf die deutsche Jahreshitparade 1968 verweisen. So sah es aus im "Jahr des Aufruhrs": Platz 1: Heintje mit "Mama". Platz 2: Heintje mit "Du sollst nicht weinen". Platz 3: Tom Jones mit "Delilah". Platz 4: Heintje mit "Heidschi Bumbeidschi". Platz 5: Peter Alexander mit "Der letzte Walzer". Platz 6: Die Beatles mit "Hey Jude". Noch Fragen?

Freddy Quinn in Hamburg, 1971. Foto: Wikimedia

Roy Black wurde vom Kanzler (Willy Brandt) empfangen, 1971. Foto: Wikimedia

Marianne Rosenberg, 2018. Foto: Wikimedia

Freunde der Klassik sind vielleicht schon längst voller Ekel aus dieser Lektüre ausgestiegen. Zu früh, Damen und Herren – Schlager sind Enkelkinder der Klassik, die gehören zu Euch! Rudolf Schock (1915 bis 1986) war der Sanges-Held unserer Mütter. Der gelernte Friseur aus Duisburg eroberte mit seinem schmelzenden Tenor die klassischen Bühnen: Wiener Staatsoper, Deutsche Oper Berlin, Covent Garden in London, Bayreuth... Zum Entsetzen vieler Klassik-Fans wechselte Schock mit 50 ins seichtere Fach. "Er dankte nicht ab. Er wechselte nur den Thron", schrieb der Musik-Kritiker Klaus Geitel. Schock wurde ein Star der Operetten-Hits, auf Schallplatten, im Film und im Fernsehen. Bettelstudent, Fledermaus, Zigeunerbaron, das Land des Lächelns. Operetten waren echte Hit-Maschinen. Richard Tauber, Anneliese Rothenberger, Mario Lanza, Peter Alexander waren Weltstars "der leichten Muse". Der Berliner Musikkritiker Carl Hermann Bitter formulierte bereits 1896 in "Westermanns Monatsheften" sein Vernichtungsurteil: "Alle diese Tageserscheinungen werden an dem ihnen mehr oder weniger innewohnenden Unwert zugrunde gehen, von neuen Arbeiten neuer Tages- und Tanzkomponisten überboten oder mindestens abgelöst und dann, mit Recht, vergessen werden."

Howard Carpendale, 2016. Foto: Wikimedia

Marlene Dietrich, 20er Jahre. Foto: Wikimedia

Caterina Valente, Filmplakat, 1958. Bild: Wikimedia

"Ich war noch niemals in New York." Das war eines der Spitzenwerke von Udo Jürgens. Auch damit hat er den allermeisten Deutschen mal wieder aus der Seele gesungen; die waren auch noch nicht dort. Der 2014 verstorbene Megastar der Schlagerszene soll über 105 Millionen Tonträger verkauft haben, schreibt Focus. Roland Kaiser folgt mit 90, Freddy Quinn mit 60, Heino und Karel Gott mit jeweils 50 Millionen. Nena 25, Helene Fischer 15 Millionen. Sieht so aus, als hätten die Altmeister den später Singenden den Rahm abgeschöpft. Dabei gibt sich Florian Silbereisen doch solche Mühe, dem Schlager wieder Gehör zu verschaffen. Aber er ist halt einfach nicht hemdsärmelig genug. Im Unterschied zum einzigartigen Laut-Sprecher Dieter Thomas Heck, der mit seiner ZDF-Hitparade tapfer gegen die Invasion der englisch-sprachigen Popmusik anschrie.

Kommt auch auf die Hessentags-Bühne: Peter Maffay. Foto: Stefan Brending bei Wikimedia

Caterina Valente, 1966. Foto: Wikimedia

Roy Black, 1989. Foto: Wikimedia

Auftritt Roland Kaiser, 73. Zur Erinnerung einige Hits: Santa Maria, 1980. Dich zu lieben, 1981. Joana, 1984. Ich glaub es geht schon wieder los, 1988. Manchmal leidet er unter seiner Branche und prangert an, der Schlager dürfe ruhig mal ein wenig sozialkritisch sein – sich selbst schloss er dabei nicht aus. Die taz spottete, er sei ein "Philosoph gefangen im Körper eines Schlagersängers". Mensch, Kaiser, hast Du denn die Nicole vergessen, die uns alle 1982 aufgerüttelt hat mit ihrem Polit-Schlager "Ein bisschen Frieden"? Mit sowas hat man damals den "Eurovision Song Contest" gewonnen. In diesem Jahr gehen die Fans angesichts des deutschen Beitrags erneut mit geringstmöglicher Zuversicht in den Wettbewerb. "Hiiiilllffffe! 0 Points Germany", schreit einer auf der ESC-Facebook-Seite. Ein anderer hat sowieso schon resigniert: "Okay, warum nicht. Dann wieder ein guter letzter Platz." Ach, hätten wir doch den Roland Kaiser nach Wien abgeordnet! In Fulda ist er schon lange der Größte von allen: bereits dreimal trat er vor jeweils 10.000 Fans auf dem Domplatz auf. Im Juni ist er wieder da, er singt beim Hessentag.

Dieter Thomas Heck, 2003. Foto: Wikimedia

Und jetzt also Freddy Quinn. Der Mann hat’s nicht mehr so mit der Musik, zumal er dauernd mit seinen Hörgeräten im Clinch ist: "Mal sind sie zu leise, mal so laut, dass die Ohren wehtun." Sein Leben haben ihm die Plattenfirmen vorgeschrieben, als wär’s ein Schlagertext. Der irische Vater, nach dem er angeblich fortwährend suchte, war in Wahrheit ein unbekannter Hallodri, der sich nach einer Affäre mit seiner Mutter aus dem Staub gemacht hatte. Mit seiner Managerin Lilli Blessmann hat Herr Freddy 50 Jahre lang bis zu ihrem Ableben eine Geheim-Liebe praktiziert: "Die Ansage der Plattenfirma war klar: keine Frauen." Selbst der Seefahrer, den er uns vorgespielt hat, war falsch: "Der Seemann wurde mir übergestülpt wie ein Kostüm." Vor fast 30 Jahren hat der Matador der Meeres-Romantik ("Junge komm bald wieder", "Die Gitarre und das Meer") seinen Frieden mit der Schlager-Lüge gemacht: "Ich tröste mich mit dem Wissen, dass mein großer Kollege Klaus-Jürgen Wussow alias Professor Dr. med Brinkmann niemals einen Menschen operiert hat." Jetzt ist der alte Herr wieder mit einer Sammlung seiner alten Lieder in der Hitparade aufgetaucht, auf Platz 70. Kollege Howard Carpendale, gerade erst 80, hat’s letzte Woche noch weitergebracht: zum ersten Mal in seiner Langzeit-Karriere landete er auf Platz 1, mit dem neuen Album "Zeitlos". Howie hat natürlich auch schon vor dem Dom gesungen, 2024. Fulda ist halt Schlager-Stadt.

Tony Marshall, 2009. Foto: Wikimedia 

Schlag rein, Schlager. Ein paar musikalische Leckerbissen müssen jetzt sein. Zum Einstieg die ultimative Hymne:

Guildo Horn, Ich find Schlager toll: https://www.youtube.com/watch?v=LuTVjVigOnc

René Carol, Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein: https://www.youtube.com/watch?v=5PZEcEBmBp4

Zarah Leander, Kann denn Liebe Sünde sein? https://www.youtube.com/watch?v=0zDL4j9haQ0

Heintje, Heidschi Bumbeidschi: https://www.youtube.com/watch?v=a1Uv7TnpU48&list=RDa1Uv7TnpU48&start_radio=1

Marianne Rosenberg, Er gehört zu mir: https://www.youtube.com/watch?v=RcMWxMWFTgo&list=RDRcMWxMWFTgo&start_radio=1

Freddy Quinn, Junge komm bald wieder: https://www.youtube.com/watch?v=6Ag3QNdomuQ&list=RD6Ag3QNdomuQ&start_radio=1

Roland Kaiser, Ich glaub es geht schon wieder los: https://www.youtube.com/watch?v=Zt5R5573IFs&list=RDZt5R5573IFs&start_radio=1

Drafi Deutscher, Marmor, Stein und Eisen bricht: https://www.youtube.com/watch?v=_74YzFnQbzg&list=RD_74YzFnQbzg&start_radio=1

Rocco Granata, Marina: https://www.youtube.com/watch?v=YLQbuWgFCNY&t (Rainer M. Gefeller)+++

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Original auf osthessen-news.de