Patienten samt Bett im Möbelwagen ins neue Klinikum umgezogen

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Mit dem Möbelwagen ging es für die bettlägerigen Patienten in den Neubau in der Pacelliallee - Fotos: Stadtarchiv Fulda/ Erich Gutberlet

FULDA Vom Alten Krankenhaus in der Musikschule

09.03.26 - In den 1970er Jahren vollzog sich in Fulda ein echter Quantensprung in Hinsicht auf die medizinische Versorgung: Der Neubau der Städtischen Kliniken in der Pacelliallee wurde nach langer Planung und vier Jahren Bauzeit vollendet und im November 1976 feierlich eingeweiht. Zum ersten Tag der offenen Tür war das Interesse der Fuldaer riesengroß: "11.000 erwartungsvolle Bürger erstürmten ihr neues Krankenhaus", berichtete das Klinikum. Für 118 Millionen Euro war ein Krankenhaus der Maximalversorgung mit 750 Betten und 15 Fachabteilungen entstanden. Dort startete im Februar 1976 eine neue Ära, als die Patienten aus dem verzweigten Altbau an der Edelzeller Straße – generalstabsmäßig geplant – in den Neubau verlegt wurden. Die Kranken in ihren Betten und Neugeborene im Brutkasten wurden per Hebebühne in Möbelwagen verladen und transportiert.

Auch die Neugeborenen im Brutkasten wurden so transportiert

Dr. Michael Wuttke war 1976 sowohl im alten Krankenhaus als auch in den neuen Städtischen ...

Dr. Michael Wuttke (3. von rechts) mit dem OP-Team unter Prof. Stegmann (2. v. r.) nach ...Foto: Stadtarchiv Hubert Weber

Unser Fotograf Erich Gutberlet hat diese außergewöhnlichen Transporte vor 50 Jahren mit seiner Kamera festgehalten – sonst könnte man sich das heute kaum noch vorstellen. Die komplizierte Logistik beim Umzug von Menschen, Möbeln und medizinischen Geräten funktionierte reibungslos, OPs und Intensivstation konnten sofort ihren Dienst aufnehmen. Die 220 Patienten wurden noch am selben Tag im neuen Domizil versorgt und das erste Kind wurde am Abend in der nagelneuen Entbindungsstation geboren.

1805 hatte Wilhelm von Oranien die Errichtung einer "Land-Kranken-Anstalt mit einem Entbindungsinstitut und einer Irrenanstalt" verfügt. Das Wilhelmshospital lag vor dem Stadttor Florengasse auf dem Gelände des ehemaligen Kapuzinerklosters und war zu seiner Zeit ein hochmodernes Krankenhaus. Der Bedarf an medizinischer Versorgung stieg kontinuierlich, und um den klassizistischen Hauptbau entstand nach und nach ein verschachtelter Gebäudekomplex, von dem heute kaum noch etwas existiert.

Im Karren über den Hof zur OP geschoben

Die unzulänglichen Zustände im Coudray’schen Bau, der heutigen Musikschule, hat uns der Fuldaer Mediziner Dr. Michael Wuttke veranschaulicht. Der heute 74-jährige Anästhesist und Intensivmediziner war damals als Medizinstudent während verschiedener Praktika und seiner Famulatur in dem alten Krankenhaus und anschließend auch im neuen Klinikum beschäftigt. Auch seine spätere Frau arbeitete dort als OP-Schwester in der Gynäkologie. Auf dem Gelände war alles auf engem Raum dezentral untergebracht. Es gab diverse Gebäude mit jeweils einer Abteilung wie der Chirurgie, der Entbindungs- und Kinderstation, der HNO-Klinik, eine kleine Isolierstation, eine Wäscherei, einen eigenen Maschinenraum und eine Schlosserei bis hin zu einem Leichenhaus mit Kapelle und dem Wohnhaus des Direktors. Patienten waren in Krankensälen mit bis zu 12 Betten untergebracht. "Ich half im OP und eine meiner Aufgaben war, auch Patienten aus anderen Gebäuden zur Operation mit einer Art zweirädriger Karre über den Hof zu schieben", berichtet Dr. Wuttke. Bei Regen wurde eine Art Verdeck runtergeklappt.

Die damaligen hygienischen Umstände waren mit den heutigen nicht zu vergleichen. "Der einzige Anästhesist lief von OP zu OP über das Gelände. Es gab keine Schleusen zu den OPs, keine Intensivstation, keine zentrale Sterilisation, die Bestecke wurden einzeln geputzt, die benutzten Handschuhe gewaschen und neu gepudert – Einmalprodukte gab es nicht. Die ersten Schrittmacher wurden wieder aufbereitet und erneut verwendet. Jede Abteilung hatte eine eigene Küche, dort wurde auch gekocht und die Nonnen schmierten die Brote für die Patienten." Die Notfallmedizin habe sich gerade erst als eigenes Fach entwickelt - in der alten Klinik gab es weder eine Notaufnahme noch eine Intensivstation.

Nicht nur deshalb bedeutete der Umzug in den Klinikumsneubau für Ärzte, Pflegepersonal und vor allem für die Patienten eine erhebliche Erleichterung und den Startschuss für rasanten Fortschritt. Sieben Wochen nach dem abenteuerlichen Umzug hatten am neuen Standort bereits 1.337 Operationen stattgefunden – heute werden hier jährlich über 40.000 Patienten stationär behandelt. In die vermeintlich "gute alte Zeit" möchte sicher kein Kranker zurückkehren. (Carla Ihle-Becker) +++


Original auf osthessen-news.de