Die Suche nach dem Dorfplatz: Verfällt das marode Eckstock-Areal?

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Imposant, aber leider in einem maroden Zustand: Das Eckstock-Areal mit dem ehemaligen Hotel "Schlitzer Hof" und dem Kaufhaus Stang in Niederaula - Fotos: Hans-Hubertus Braune

NIEDERAULA Wie geht es am Kirchplatz weiter?

09.03.26 - Im Ortskern von Niederaula nagt der Zahn der Zeit. Insbesondere an der Eckstock-Kreuzung. Dort treffen mit der B62 und der B454 zwei Bundesstraßen zusammen. Das einstige Hotel "Schlitzer Hof" und das Kaufhaus Stang daneben sind schon lange nicht mehr vorhanden. Die Gebäude befinden sich in Privatbesitz und stehen seit vielen Jahren leer.

Das Bürgerhaus sowie darüber liegend mehrere Wohnungen und Praxisräume der Bahnhofsstraße ...

Der Kirchplatz rund um die evangelische Kirche in Niederaula

Großes Interesse an der Bürgerversammlung am Donnerstagabend im Forsthaussaal ...

Bürgermeister Thomas Rohrbach (rechts) begrüßte die Gäste und Marco Link stellte ...

Eine kostspielige Sanierung scheint in der heutigen Zeit nahezu ausgeschlossen. Wirkliches Interesse ist nicht zu erkennen. Der Besitzer des Hotels will nach eigenen Angaben in Kürze entscheiden, ob er das Areal wieder verkaufen oder doch weiter sanieren und selbst nutzen möchte.

Das Eckstock-Areal ist eines von drei Bereichen, welche die Marktgemeinde Niederaula in einer Machbarkeitsstudie genauer unter die Lupe genommen hat. Dazu zählt das Areal um die evangelische Kirche und das ehemalige Bürgerhaus in der Bahnhofstraße. Während einer Informationsveranstaltung im Forsthaus-Saal stellte Diplom-Ingenieur Marco Link von der Arbeitsgruppe Stadt aus Kassel die Ergebnisse der Studie den gut 100 Bürgern vor.

Marode Gebäude verhindern Entwicklung

Doch der Reihe nach: Das Eckstock-Areal steht unter Denkmalschutz. Egal wie, die Silhouette der Gebäude muss erhalten bleiben. Die Hindernisse eines Umbaus oder gar eines Rückbaus sind zu hoch. "Der Rückbau von Gebäuden am Standort wurde nach einem Ortstermin als städtebaulich unzuträglich bewertet. Zudem sei keine Zustimmung für Abrissanträge zu erwarten", schildert der Stadtplaner in seiner Präsentation. Auch die Variante des Baus einer Passage scheide aus. Sein Fazit: "Die Eckstock-Anlage ist im Vergleich der drei Standorte am wenigsten geeignet. Sie wird aus der weiteren Standortbetrachtung ausgeschlossen."

MVZ oder Bürgerhaus?

Für das künftige Nutzungskonzept des Bürgerhauses in der Bahnhofstraße hat das Fachbüro zwei Varianten herausgearbeitet. Aktuell befinden sich mehrere vermietete Wohnungen und Praxen in dem imposanten Fachwerkgebäude. Dies soll so bleiben. Das Erdgeschoss wurde zwischenzeitlich als Kindergarten genutzt, im ehemaligen Jugendraum hat ein Dartclub seinen Spielort. Untersucht wurde, ob ein Medizinisches Versorgungszentrum in dem Areal Einzug halten kann.

Grundsätzlich sei dies laut dem Stadtplaner möglich. Die aktuelle Situation im Kernort ist indes so schlecht nicht: Im Hauptort gibt es zwei Praxen für Allgemeinmedizin, eine Zahnarztpraxis und eine Apotheke. Ergänzt wird das Angebot durch eine Ergotherapiepraxis, eine Sprachheilpraxis, zwei Physiotherapiepraxen, eine Thaimassage, einen Psychotherapeut, eine Praxis für Kinder- und Jugendpsychotherapie, einen Optiker und eine Hebamme. Neben dem Rathaus befindet sich eine leerstehende Praxis.

Link stellte ein mögliches Raumkonzept vor, schränkte aber ein: "Ein nicht unerheblicher Teil der Flächen ist in Form von Verkehrsflächen vorzuhalten." Zudem seien weder eine natürliche Beleuchtung noch eine ausreichende Belüftung vorhanden. Zweite Variante ist die wiederkehrende, wenn auch deutlich modernisierte Nutzung als Bürgerhaus. Im Erdgeschoss und der ersten Etage befinden sich zwei Versammlungsräume. Eine Küche ist zwar vorhanden, aber nicht mehr Stand der heutigen Zeit.

Unter dem Strich seien beide Varianten möglich. Die Sanierungskosten belaufen sich nach erster Kostenaufstellung auf rund 1,4 Millionen Euro. Drei Varianten seien für den Außenbereich möglich: ein "Grünes Entree", ein Dorfplatz oder den Bestand aufzuwerten. Die notwendigen Stellplätze für die Mieter als auch für die Besucher müssen gewährleistet werden und schränken deshalb die Gestaltungsmöglichkeiten ein.

Kirchturmdenken in der Ortsmitte?

Schon länger schwellen die Diskussionen um den Kirchplatz in der Marktgemeinde. Das Areal befindet sich im Besitz der evangelischen Kirche. Der Stadtplaner bewertet die aktuelle Situation als "geschotterte Freifläche ohne Aufenthaltsqualität". Die aktuelle Anmutung entspreche nicht der zentralen Lage im Dorf. Doch wie kann es hier weitergehen? Bislang gehen die Vorschläge recht weit auseinander. Die Kirche kann sich eine aufwendige Platzgestaltung in Zeiten von landesweiten Rationalisierungen der kirchlich genutzten Gebäude kaum leisten. Sie möchte das Areal jedoch für "sozial-diakonische Arbeit" nutzen. Als einen Ort zum Verweilen, zum Treffen mit schöner Aufenthaltsqualität. Unter diesen Voraussetzungen könnten sich die Kirchenvertreter eine Verpachtung des Areals vorstellen.

Der Stadtplaner empfiehlt unter anderem eine Pufferzone zur angrenzenden Bebauung sowie einen breiten Natursteinpflasterweg im Norden und Schotterrasenflächen links und rechts des Weges zur multifunktionalen Nutzung. Bürgermeister Thomas Rohrbach schlägt vor, die Möglichkeit zu schaffen, dass eine Teilfläche bei Bedarf als kurzzeitige Parkplätze genutzt werden könne. In unmittelbarer Nähe befinden sich unter anderem eine Arztpraxis, Optiker und Akustiker, Apotheke und das Restaurant "Zum Alten Forsthaus". Entlang der Bundesstraße B62 ist das Parken zwar möglich, aber mit Gefahren wegen des Durchgangsverkehrs verbunden. Im Rahmen der anschließenden Diskussionen und Anregungen aus der Bürgerschaft kam der unrealistische Vorschlag einer Umgehungsstraße wieder mal hoch.

Um die möglichen Fördermittel des Landes im Rahmen der integrierten kommunalen Entwicklungskonzepte (IKEK) optimal nutzen zu können, soll in nächster Zeit eine Entscheidung hinsichtlich der Umsetzung der Projekte getroffen werden.

Einschätzung des OSTHESSEN|NEWS-Reporters: Am Eckstock-Areal wird sich am Gesamtbild nichts ändern, die betroffenen Gebäude werden weiter verfallen, was auch dem Denkmalschutz ebenso wenig nützen dürfte. Hier ist dringend eine flexibelere gesetzliche Handhabung notwendig. Unter den aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ist eine realistische Sanierung solcher maroden Areale kaum vorstellbar. Die wachsenden Gefahren für die Fußgänger entlang der Gebäude sind ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Zurück zu den Wurzeln dagegen in der Bahnhofstraße zu einem Versammlungsort für kleinere Veranstaltungen, Sitzungen und Workshops. Das Thema "Medizinisches Versorgungszentrum" muss meiner Meinung nach ganzheitlich mit den Nachbarkommunen angegangen werden.

OSTHESSEN|NEWS-Chefreporter Hans-Hubertus Braune Archivbild: O|N/Maurice Schumacher

Bleibt der Kirchplatz: Auch hier nützt einseitiges "Kirchturmdenken" wenig. Die Chance nutzen, gemeinsam an Kompromissen arbeiten und somit einen modernen Aufenthaltsort in der Ortsmitte entwickeln. Grünflächen mit ausreichend Sitzgelegenheiten, unter anderem Ladestationen für E-Bikes, aber auch die multifunktionale Nutzung eines Teilbereiches für Parkplätze. Nur so kann die Wertigkeit der Ortsmitte und damit der Geschäfte und Dienstleister vor Ort gesteigert werden. Die entscheidende Frage bleibt: Was ist finanziell machbar? (Hans-Hubertus Braune) +++


Original auf osthessen-news.de