„Ohne uns steht die Welt still“ – Frauenstreik mit Sitzprotest in Fulda
„Wir sitzen heute hier, um sichtbar zu machen, was in unserer Gesellschaft viel zu oft unsichtbar bleibt – Ungleichheit, Gewalt und die Arbeit, ohne die unsere Gesellschaft jeden Tag zusammenbrechen würde“, sagte Organisatorin Frauke Goldbach zum Auftakt der Aktion.
Der Frauenstreik ist Teil einer bundesweiten Bewegung, die vom Töchter-Kollektiv koordiniert wird. In vielen Städten finden rund um den 8. und 9. März Aktionen statt, um auf Themen wie Lohngerechtigkeit, Care-Arbeit und geschlechtsspezifische Gewalt aufmerksam zu machen. Der Streik ist dabei kein tarifrechtlicher Arbeitskampf, sondern eine politische Protestform.
Goldbach erinnerte an den historischen Frauenstreik in Island im Jahr 1975. Damals legten rund 90 Prozent der Frauen ihre Arbeit nieder – bezahlt wie unbezahlt. „Da hat man gesehen, was passiert, wenn Frauen nicht arbeiten“, erklärte sie. „Ohne uns steht die Welt still.“ In Island seien damals sogar Supermärkte leergekauft gewesen, weil viele Männer nicht kochen konnten, und Kinder wurden von ihren Vätern mit zur Arbeit genommen. „Das System ist damals praktisch zusammengebrochen – und genau das hat gezeigt, wie viel Arbeit Frauen jeden Tag leisten.“
Auch in Deutschland gebe es weiterhin große Lücken. Neben dem bekannten Gender Pay Gap verwies Goldbach auch auf den sogenannten Gender Pain Gap – also darauf, dass medizinische Beschwerden von Frauen häufig weniger ernst genommen würden. Gleichzeitig seien viele Berufe, in denen überwiegend Frauen arbeiten – etwa in Pflege, Erziehung oder sozialer Arbeit – chronisch unterbezahlt und unterfinanziert.
Während der Kundgebung berichteten mehrere Teilnehmerinnen von ihren persönlichen Erfahrungen. Eine Mutter schilderte, wie selbstverständlich von Frauen erwartet werde, den größten Teil der Sorgearbeit zu übernehmen. „Wenn ein Mann mit seinem Kind Brötchen holen geht, wird er gefeiert“, sagte sie. „Aber wenn eine Mutter all das jeden Tag macht, gilt das einfach als selbstverständlich.“
Eine andere Rednerin sprach über die finanziellen Folgen im Alter. Nach vielen Jahren Familienarbeit habe sie eine sehr niedrige Rentenprognose erhalten. „Ich habe mein Leben lang gearbeitet – nur wird diese Arbeit oft nicht als solche anerkannt“, sagte sie.
Neben den Redebeiträgen informierten die Organisatoren an einem Stand über regionale Beratungs- und Hilfsangebote. Besucher konnten sich dort unter anderem über Unterstützung bei Gewalt gegen Frauen oder über soziale Hilfsangebote informieren.
Auch internationale Perspektiven fanden Platz auf dem Uniplatz. Narges Sarjoughian sprach über die Situation von Frauen im Iran und erinnerte daran, dass viele Menschen dort unter einem repressiven System für grundlegende Rechte kämpfen. „Wenn Frauen im Iran nicht frei sind, ist auch die Gesellschaft nicht frei“, erklärte sie.
Der Frauenstreik richtete sich nach Angaben der Veranstalter nicht ausschließlich an Frauen. Eingeladen waren alle Menschen, die von Ungleichheit betroffen sind oder sich solidarisch zeigen möchten. Ziel sei es, strukturelle Ungleichheiten sichtbar zu machen – von ungleicher Bezahlung über fehlende Anerkennung von Care-Arbeit bis hin zu Gewalt gegen Frauen.
Mit dem stillen Protest auf dem Universitätsplatz wollten die Teilnehmenden vor allem eines deutlich machen: Die Forderung nach Gleichstellung und gesellschaftlicher Anerkennung von Sorgearbeit bleibt auch im Jahr 2026 aktuell. „Veränderungen entstehen nicht von allein“, sagte Goldbach. „Sie müssen erkämpft werden.“
Original auf www.osthessen-zeitung.de